Tiziana De Silvestro

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Wahrnehmung und Vor-Einstellungen
Wie weit kann ich gehen? Bis wohin kann ich kommen? Wer bestimmt, wer wohin kommt? Das sind die Fragen, die Tiziana De Silvestro an- und umtreiben. In ihren Arbeiten erkennt und benennt sie Grenzen und lotet sie aus, auch das, was dahinter steht, im mehrfachen Sinne: geografisch, mental, ästhetisch, politisch.
Am deutlichsten wird dies in ihrer Serie „Einschränkungen“ von 2004, in der sie Grenzen direkt ins Bild setzt: die Grenzen in den Städten und in unseren Köpfen. In Hong Kong hatte sie Schranken fotografiert, die uns täglich begegnen, wie Ampeln oder Baustellen, aber auch Schranken, die eigentlich gar keine sind, aber von unserem historischen und kulturellen Gedächtnis dazu gemacht werden. So wird uns eine Weihnachtsbeleuchtung vor offenem Himmel zu Stacheldraht, zur Grenze eines Gefängnis, eines Konzentrationslagers gar. Ausgelöschte Glühbirnchen im Wind werden in unserem Kopf zu Bedrohung und Schutzwall in einem – das Bild hat heute, da in Europa wie in den USA neue Grenzzäune gebaut werden, an Dringlichkeit noch gewonnen.
Das Thema Einschränkungen in Blick und Denken zieht sich durch Tiziana De Silvestros Werk. In ihrer frühen Serie von männlichen Akten, die Teil der Publikation „Kunst Werk Körper“ von 1995 sind, beschränkt sie die Körper der von ihr fotografierten Modelle auf kleine Ausschnitte und verschiebt so die Aussage. Die Serie beginnt mit der Arbeit am lebenden Körper und wird fortgesetzt in der Glyptothek München, wo die Fotografin das Verfahren der Fragmentierung auf die Statuen anwendet. Auch hier wird der Blick eingeschränkt auf kleine Teile von Körpern, die anders als die lebenden Modelle ihrerseits bereits eingeschränkt sind, haben die Statuen doch als Torso oder Büsten in unsere Zeit hin überlebt. Doch in den Bildern Tiziana De Silvestros werden Schläge im Stein zu Narben in der Haut und ein toter Mund scheint zu atmen. Im Licht der Fotografin erscheinen die Steinfiguren lebendiger als die real existierenden Männer. Die Fragmentierung macht den realen Körper zum schönen Bild und haucht dem steinernen Bild Atem ein. So vergegenwärtigt die Künstlerin sich, und uns, Kunstwerke aus alter Zeit – eine Bewegung, die sie selbst überrascht hat, wurden doch beide, die realen wie auch die steinernen Körper, mit denselben Lichteinstellungen fotografiert.
Was sich hier der Fotografin aus der Arbeit heraus offenbart hat, ein Auflösen der Dichotomie tot – lebendig, alte – neue Kunst, sucht sie durch Wechsel der Perspektive. Den Blick umdrehen, auf das, was dahinter oder darunter liegt, auf das, was zurück bleibt, wenn die Party verklungen, die Schönheit verwelkt ist – Tiziana De Silvestro hinterfragt Wahrnehmung und Vor-Einstellungen, indem sie die Verhältnisse (scheinbar) umdreht: in Thema, Bildkomposition und fotografischem Verfahren, aber auch vom Konzept her. So stand am Anfang der männlichen Akte der Wunsch nach Umkehrung der Geschlechterordnung in der Tradition der Aktfotografie.
In ihrer Serie „Die Unsichtbaren“ von 1998-2000, stellt sie das Gesicht einer verschleierten Frau den Gesichtern von Männern mit Sonnenbrillen gegenüber und fragt: Was ist anonymer? Zieht sie die Gesichter der Männer ins Unscharfe, erstarren sie zur Maske und die Sonnenbrillen-Gläser werden zu Höhlen in einem Schädel; dagegen sprechen die Augen der Frau Bände. In „Momente des Seins“ von 1992 hat sie den Entwicklungsprozess des Polaroids unterbrochen und auf Aquarellpapier übertragen – das Ergebnis: eine Reihe von Selfies avant la lettre mit ungewissem Ausgang. An den Autorennen, das ihre Nichte in den IndyCar Series fährt, interessieren sie die Spuren, die vom grossen Thrill übrig bleiben: Bremsspuren auf der Rennbahn, das verpackte Gefährt, die Mechaniker in Schwarz.
Schliesslich ist da ihre Faszination am Reisen und am Fliegen, beispielhaft erlebt und dokumentiert auf ihren Kreuzfahrten mit Schwulen „Freedom and Liberty“ von 2007-2010. Tiziana De Silvestro hat in den 1980er-Jahren bei der Swissair als Flight Attendant gearbeitet. Damals hat sie Leben und Arbeiten, auf der Rückseite des Glamours, im Flugzeug dokumentiert. In jüngerer Zeit interessiert sie sich mehr für die Symbolik der Flugreise – bzw. für das, was davon übrigbleibt. Ihre „Air Show“ findet 2015 mit Spielzeugen statt oder mit einer Täuschung: Ein aus Draht gefertigtes Flugzeug wird fotografiert zu einer Bleistiftzeichnung.
Der „Nachtflug“ von 2019 geschieht vor zwei pechschwarzen ovalen Fenstern, die das geistige Auge sofort als Flugzeugfenster erkennt. Doch wer durch sie in den Himmel schauen möchte, lässt sich von der ikonischen Form täuschen. In Wirklichkeit handelt es sich um belichtetes Fotopapier, dunkel wie die Nacht, geschwärzt vom hellen Licht. Der Tag hat sich zur Nacht verbrannt – man könnte das als Anfang oder Ende einer dramatischen Geschichte lesen. Oder einfach als Referenz an die Bewegung der analogen Fotografie.

Text: Lilo Weber

 
Bildhinweis
Zum Schutz vor unautorisierter Verwendung meiner Fotografien und zum Zweck einer schnellen Ladezeit der Website sind die Bilder relativ klein gehalten.
Gerne lade ich Sie ein, meine Fotografien in den vorgestellten Publikationen und in Ausstellungen in voller Grösse zu geniessen.

 
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